Leonies Hackenpedder Recap 2025

Leonie hat hier ihren persönlichen Rückblick geschrieben. Er gibt emotionale und ehrliche Einblicke in viele Stunden im Sattel … (ca. 20min Lesezeit)

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> weitere Frauen beim Hackenpedder
> Leonie im Podcast

Als ich Mitte Juni 2025 an der Startlinie zum Hackenpedder stand, war ich noch nie zuvor „Bikepacken“ gewesen. Ja, ich war schon oft mit dem Rad im Urlaub. Aber das waren mehr Radreisen, mit Gepäckträger und Ortlieb-Satteltaschen, nie viel mehr als 100km am Tag, teils mit übernachten in Hotels. Das Topeak Bikepacking Taschen-Set hatte ich zwar schon seit zwei Jahren rumliegen, hatte einzelne Taschen auch immer wieder auf Radtouren genutzt, um mein Gepäck leichter zu machen, aber hatte mich nie ganz darauf eingelassen.

Was als spontane Suche nach einer neuen Herausforderung begann, wurde zu meinem bisher größten Abenteuer – körperlich, mental und emotional. Dieser Recap erzählt von 1.000 Kilometern voller Improvisation, Gemeinschaft, Tiefpunkten und dem Moment, in dem aus „Das ist zu groß für mich“ langsam „Ich schaffe das“ wurde.

Nachdem ich das gesamte Frühjahr fleißig Grundlagenausdauer trainiert hatte, mir aber darüber im Klaren geworden bin, dass Rennrad-Rennen vermutlich nie so ganz mein Ding werden würden, war ich auf der Suche nach einer neuen Challenge. Und fand nach einer kurzen Internetrecherche mein nächstes Abenteuer: den Hackenpedder, ein 1.000km langes Bikepacking-Event mit gemeinsamem Start, grob einmal rund um Schleswig-Holstein herum.

Und überraschenderweise gab es, ca. drei Wochen vor dem Start, noch reservierte Frauen/FLINTA* Startplätze, für ein ausgewogenes Teilnehmer*innen-Feld. Also meldete ich mich an. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, noch jemanden dafür überzeugen zu können, mit mir im Team zu fahren. Aber da die Männer-Startplätze schon lange weg waren und alle Frauen, die ich gefragt hatte entweder keine Zeit oder nicht das passende Equipment hatten, musste ich wohl oder übel alleine da durch. Und wusste nicht so recht, was mich erwarten würde.

Um mir ein wenig Unsicherheit zu nehmen, reiste ich schon am Freitagabend nach Kiel und hatte mir ein Zimmer in der Jugendherberge in Gaarden gebucht. Bei der Anmeldung am Vorabend kannte ich niemanden, abgesehen von den zwei Teilnehmern, die ich vorher im Regio nach Kiel getroffen hatte. Alle sahen sehr professionell aus mit ihren fertig gepackten Rädern. Ich fühlte mich zwar gut vorbereitet, war trotzdem sehr aufgeregt – so aufgeregt, dass es mir zum ersten Mal in meinem Leben auf den Magen schlug. Von dem sehr leckeren Essen aus dem Foodtruck auf dem Hof des VeloCenter Kiel konnte ich nicht mehr als die Hälfte essen. Ich habe einige Gespräche geführt mit anderen Teilnehmenden, aber war so aufgeregt, dass ich mich an nichts mehr erinnere.

Tag 1: Aller Anfang ist schwer…

Am nächsten Morgen – Samstag – sah das aber anders aus. Nach dem Frühstück mit unzähligen Neuntklässlern auf Klassenfahrt im Frühstücksraum der Jugendherberge rollte ich langsam zur Startlinie des Hackenpedders.

Gemeinsam fuhren alle in einer großen Gruppe aus Kiel heraus. Zunächst durch das Schwentinetal und nördlich am Selenter See nach Hohwacht. Die Region kannte ich einigermaßen gut, da meine Großeltern in Preetz gewohnt hatten und wir als Kinder oft Ausflüge in die Umgebung gemacht hatten. Ich war auch nicht wirklich allein, vor und hinter mir waren eigentlich immer andere Teilnehmende, die mich auch zweimal sehr knapp davon abhielten, falsch zu fahren.

In Hohwacht nach ca. 60 gefahrenen Kilometern die erste kleine Pause beim Bäcker, ein Filterkaffee und ein Gebäck, was ich allerdings hinten auf meiner Arschrakete verstauen musste, da ich absolut keine Chance sah, es sofort essen zu können.

Am ersten Hackenpedder-Tag war es für norddeutsche Verhältnisse sehr heiß, die Sonne schien den ganzen Tag. Nach dem kurzen Stopp musste ich mich kurz wundern, wie anderen Teilnehmer*innen die Ruhe und Zeit finden konnten am Strand in Hohwacht in der Ostsee zu baden. Ich fuhr weiter an der Steilküste, danach gings ziemlich unmittelbar rein in die Holsteinische Schweiz und die wollte ich bei den Temperaturen nicht unterschätzen.

Das war auch sehr richtig so, denn zu den sommerlichen Temperaturen von um die 30 Grad kamen einige recht steile Rampen. Der Weg ging konstant auf und ab, es waren wurzelige Waldwege, die ich so in dem Umfang noch nie so richtig mit dem Gravel-Bike bestritten hatte. Nachdem ich den Bungsberg (bei KM 88) – mehr raufgeschoben – als gefahren bin, war kurze Zeit danach mein komplettes Flaschen-Kontingent (2 x 750 ml und 1 x 450 ml) leer und ich musste mir eine Stelle zum Auffüllen suchen. Bei einem Ferien-Anwesen fragte ich die im Garten sitzenden älteren Herrschaften nach Wasser und bekam es auch – musste allerdings dafür mein staubiges Rad gefühlt minutenlang über den gepflegten Rasen schieben um zur Küche zu gelangen, wo einer der Urlauber mir netterweise die Flaschen auffüllte.

Ich war durstig verschwitzt und komplett fertig, aber auf geht’s in die nächste „Schleife“ der holsteinischen Schweiz. Mein ambitioniertes Ziel für den ersten Tag war eigentlich gewesen, den Checkpoint 1 nach gut 200km zu erreichen – spätestens hier war mir klar, dass ich heute weniger fahren würde.

Baden verboten an dieser Brücke am Großen Eutiner See.

Nachdem ich erneut komplett durchgeschwitzt und die Flaschen wieder fast leer waren, kam ich kurz vor Eutin an einigen badenden Teilnehmern vorbei und ergriff die Chance ebenfalls ebenfalls einmal abzukühlen (KM 121). Das tat gut! Körperlich und geistig erfrischt wollte ich eigentlich noch ein wenig länger Pause machen, doch sofort, als ich aus dem Wasser raus war, wurde ich von blutrünstigen Bremsen attackiert. Also schnell wieder in die Radklamotten und weiter nach Eutin.

Nach einem kleinen Abendessen (Bratkartoffeln) und dem Eindecken mit Snacks und Getränken für die weitere Fahrt im lokalen Edeka habe ich das erste Mal so richtig das Roadbook ausgecheckt. Ein/e Teilnehmer/in hatte das ganze als PDF in die Whatsapp Gruppe geschickt und das hatte ich heruntergeladen die ganze Tour über dabei. Sehr nützlich! Ich schaute also nach einem Schlafplatz für die Nacht. Nachdem mir der erste „Wildes SH“ Trekkingplatz abgesagt hatte, da es schon zu spät war, konnte ich mir erfolgreich einen Platz in Blomnath (KM 162 + 2KM off track) „sichern“. Das bedeutete aber noch circa 2 Stunden Fahrt. Die verliefen allerdings weitestgehend einfach, es war ein wenig kühler, die Strecke ging hauptsächlich über geschotterte Feldwege und es war einfach traumhaft schön, im Sonnenuntergang an diesem langen Junitag auf dem Rad unterwegs zu sein.

Dennoch freute ich mich sehr am Trekkingplatz angekommen zu sein und die ältere Dame, bei der ich auf dem Grundstück schlafen durfte, stand schon in der Einfahrt. Blöd nur dass mir auf den letzten Metern noch meine schnelle Brille runter fiel und direkt vor meinem Rad landete. Ich fuhr drüber und einer der Bügel ging leider zu Bruch – und das am ersten Tag! Ich wurde dann erstmal herumgeführt auf dem naturnahen Grundstück, schlug mein Biwak-Zelt auf und dann kam meine Gastgeberin überraschenderweise mit einer Flasche Sekundenkleber wieder, damit konnte ich meine Brille kleben!

Meine notdürftig reparierte Fahrradbrille.

Nach einer kurzen kalten Dusche mit dem Gartenschlauch sortierte ich meine Dinge und legte mich ins Zelt. Gar nicht so einfach, ich hatte mir relativ Last Minute noch ein „Biwakzelt“ von Aliexpress gekauft, um leichter bepackt zu sein. Viel Zeit zum Ausprobieren blieb nicht, und so war zwischen Isomatte, Schlafsack, mir und Zeltwand nicht sonderlich viel Platz. Durch einen Eingang an der Kopfseite muss man sich umständlich in dieses „Zelt“ einfädeln und das letzte Stück herein robben. Ganz schön anstrengend für meinen müden Körper. Der bequeme Schlafsack konnte dies aber wettmachen und so schlief ich die erste Nacht ziemlich gut und wachte am Sonntagmorgen ohne Wecker pünktlich morgens auf.

Tag 2: Willkommene Abkühlung durch den Regen

Nach einem kurzen Frühstück und der Realisation, dass mein Schlafsack trotz offenem Kopfteil ganz viel Kondenswasser abbekommen hat, packte ich meine Sachen zusammen und machte mich überraschend erholt auf den Weg. Schließlich lag Lübeck nur noch ca. 30km entfernt, und kurz danach wollte ich nun endlich den ersten Checkpoint passieren! Die ersten Kilometer nahmen die anfängliche Euphorie ganz schnell wieder, es ging über schmale Trampelpfade auf Wiesen, diese sehen nicht sehr schwer zu fahren aus, haben es aber in sich. Der Untergrund ist total holprig und durch den noch nicht getrockneten Tau an diesem Morgen auch echt rutschig. Auf diesem Wegstück traf ich dann weitere Teilnehmer, zwei ältere Herren, die sich konstant über die Navigation uneinig waren (ich bin ihnen hinterhergefahren und wir sind mindestens drei mal falsch gefahren). Mit den beiden fuhr ich dann das letzte Stück nach Lübeck rein, freute mich über den einigermaßen bekannten Teil der Strecke und konnte den ersten Foto-Punkt abhaken (KM 191 Holstentor).

Das zweite Frühstück in Lübeck ließ ich allerdings aus, und entschied stattdessen direkt zum Checkpoint zu fahren, da sollte es schließlich was zu essen geben. Nach 207 gefahrenen Kilometern bin ich dann endlich angekommen am CP1, holte mir meinen ersten Stempel und eine Schale Porridge, dann eine Schale Nudeln mit Pesto und musste erstmal klarkommen. Was mach ich hier überhaupt? Warum war das so anstrengend gestern? Anderen ging es ähnlich, ich habe insgesamt etwa eine Stunde am CP verbracht, andere waren sogar für mehrere Stunden dort. Leider hatte die Aufregung wieder ein wenig zugeschlagen, so dass ich leider nicht die Mengen essen konnte die ich gerne wollte. Das legendäre Hackenpedder Bananenbrot musste ich mir also für später einpacken.

Und so bin ich erstmal weiter gefahren, erreichte aber ein wenig später einen mentalen Tiefpunkt. Die Checkpoint-Euphorie hatte nachgelassen, die gefahrenen Kilometer machten sich wieder körperlich bemerkbar, ich fühlte mich klein, die Strecke unschaffbar lang. Also griff ich in meine Lenker Snack-Tasche und holte das eingepackte Bananenbrot raus. Es schmeckte unglaublich gut, das erste essbare, was seit dem Freitag vor dem Hackenpedder-Start in irgendeiner Weise gut schmeckte. Alles andere habe ich gegessen, weil ich wusste, dass ich essen muss, dieses hier schmeckte tatsächlich einfach nur gut. So gut, dass ich in diesem Moment angefangen habe zu weinen. Dicke Tränen tropfen auf meine Oberrohrtasche. 

Checkpoint 1 – Kanu Center Camp Wakenitz

Die Hitze war inzwischen kaum noch auszuhalten. Die Sonne knallte nicht mehr so dolle wie am Vortag, aber die Luft war unglaublich schwer und drückend. So kämpfte ich mich durchs Biosphärenreservat Schaalsee und erreichte wenige Zeit später Zarrentin bei KM 251

Nachdem das Baden im See am Vortag so gut getan hatte, hielt ich also direkt an der Badestelle. Vor dem Baden bestellte ich etwas zu essen und sprang in den See. Nach Erfrischung und Stärkung, und nachdem ich etliche Hackenpedder-Teilnehmer*Innen an der Badestelle und an mir hatte vorbeifahren sehen, packte ich meine Sachen so schnell wie möglich wieder an mein Rad. Auf geht’s! Oder doch nicht? Nur wenige Meter nach dem Baden traf ich Jens, einen weiteren Teilnehmer und schon fielen die ersten Tropfen vom Himmel. Das für Sonntag angekündigte Gewitter war da.

Happy Regen Face!

Also, Planänderung, erneut am Straßenrand halten, Regenzeug raus. Ich hab mich schnell eingepackt, in Regenjacke, Regenhose, Gamaschen und Regenhandschuhen. Auf einmal war die Laune wieder top. Ich packte meine Kopfhörer rein und fuhr bei strömendem Regen durch das ehemalige Deutsch-Deutsche Grenzgebiet. Der Waldboden war total aufgeweicht, stellenweise eher ein Sumpf als ein Weg, aber ich holte einen nach dem anderen die übrigen Hackenpedder-Teilnehmenden, die mich an der Badestelle überholt hatten, wieder ein.

Dass der Boden immer sumpfiger wurde, fiel mir dabei nicht allzu sehr auf. Irgendwann, nach 1-2 Stunden, ließ der Regen nach, ich öffnete meine Regenjacke und traf auch die ersten Teilnehmer, die sich untergestellt hatten und nun weiter fuhren. Es waren die beiden Jungs aus Berlin auf dem Tandem, die ich am Tag zuvor vor Eutin an der Badestelle getroffen habe. Also unterhielten wir uns für einige Zeit und wichen dabei die ganze Zeit den tiefen Pfützen aus. Irgendwann merkte ich jedoch, dass ich ihr Tempo nicht wirklich halten konnte, geschweige denn dabei locker quatschen und wir verabschiedeten uns. 

Kurze Zeit später traf ich das nächste bekannte Gesicht, Felix, ihn hatte ich ebenfalls in Eutin beim Baden getroffen. Schon von weitem sah ich, dass etwas nicht stimmte, das Rad lag umgedreht neben ihm. Also fragte ich, ob er etwas brauchte. Nach dem anfänglichen Nein fiel ihm dann doch ein, dass seine Reifenheber soeben abgebrochen waren. Also gab ich ihm schnell meine. Die Gelegenheit nutzte ich, um meine Regensachen anzuziehen und zu verstauen und wartete, als dann nach dem ersten Versuch wieder ein Loch im Schlauch war, beschloss ich vorerst ohne meine Mantelheber weiterzufahren, irgendwie hatte ich ja eigentlich einen Lauf gehabt.

Ich hatte aber bereits Hunger und so verabredete ich mit Felix, dass ich vorfahren würde zum Essen und er mir die Mantelheber ja dort wieder geben könne. Also fuhr ich weiter und rollte kurze Zeit später am Rand von Boizenburg an den an der Strecke liegenden L‘Orient Dinner Imbiss heran und sah, dass da bereits ein bepacktes Gravel-Bike stand. Also setzte ich mich dazu, der Teilnehmer musste leider wegen Rahmenbruch und defekter Schaltung nach Hause fahren, kurz darauf trafen auch weitere Teilnehmer*innen beim Imbiss ein und wir tauschten uns aus. 

Felix erreichte ebenfalls den Imbiss, da hatte ich meine Falafel Dürüm schon aufgegessen und gab mir meine Reifenheber wieder. Und alle berichteten, wo sie planten, zu übernachten. Der Campingplatz Hohes Elbufer schien sehr beliebt, ich war jedoch wild entschlossen, in einer der Schutzhütten davor zu nächtigen und fuhr kurz darauf alleine weiter.

Bestärkt davon, dass man nicht alleine auf dieser Strecke ist und gestärkt von der Falafel, machte ich mich auf, am Elbufer entlang. Auch dieses Gebiet bei Boizenburg und Lauenburg kannte ich gut, da ich hier schon mehrfach bei Radtouren und Ausflügen gewesen war. Und so fuhr ich bei Sonnenuntergang an der Elbe lang und kam in der Dämmerung durch Lauenburg (KM 313). Langsam fuhr ich durch die schöne Altstadt über Kopfsteinpflaster. Als ich aus Lauenburg raus war, kam ich in einen kleinen Wald und merkte, wie dunkel es mittlerweile war.

Ich suchte nach der ersten Schutzhütte, fand sie nicht und beschloss, zur zweiten weiter zu fahren. Es ging teils steil bergauf und bergab am Elbufer und war total dunkel. Nur knapp konnte ich verhindern, die auf dem Weg sitzenden Kröten zu überfahren und musste mich stark konzentrieren, ihnen auszuweichen. Das zehrte an Kraft und Konzentration. Schließlich kam ich an einen schmalen Pfad direkt unten am Elbufer, den ich zuvor schon gefahren war. Allerdings nur im hellen. Und ich schaute genau auf die Kilometerangaben, hier müsste doch die Hütte sein? Ich fuhr ein wenig hin und her, leuchtete in den Wald rein und fand nichts. Schließlich kam ein weiteres Licht von hinten angefahren, es war Felix, der mich schnell davon überzeugen konnte, mit ihm zum Campingplatz zu fahren. Eigentlich wollte ich mit meinem minimalistischen Zelt nicht auf dem Campingplatz schlafen, doch irgendwie klang eine warme Dusche auch verlockend. 

Also kamen wir nach wenigen Minuten bei Streckenkilometer 323 beim Campingplatz an. Völlig erschöpft, aber total aufgeregt, tauschten sich alle bereits anwesenden Teilnehmenden über ihre Fahrt auf, bauten ihre Zelte auf und dann ging es nach der heiß ersehnten Dusche endlich in den Schlafsack. Es war die erste Nacht an einem Schlafplatz mit anderen Teilnehmenden für mich und es war eine ganz besondere und schöne Stimmung.

Tag 3: Allein gestartet, gemeinsam unterwegs

Am nächsten Morgen, am Montag, war ich ganz gut ausgeruht, aber vor allem sehr hungrig und musste dringend eine Bäckerei finden zum Frühstücken. Die war noch ca. 25km entfernt, also schnell einen Riegel für den Start essen, Sachen zusammenpacken und los. Vor der Abfahrt durfte ich mein von der gestrigen Regenfahrt sehr dreckiges Rad noch am Gartenschlauch des Campingplatzes notdürftig säubern.

Erdbeer-Kopenhagener geht immer!

Einige der anderen Hackenpedder-Teilnehmenden waren zu dem Zeitpunkt schon längst los, andere noch mit zusammenpacken beschäftigt. Ich fuhr also los, alleine erstmal. Direkt morgens ging es von der Elbe weg, hoch in den Sachsenwald. Ich war schon eine Weile unterwegs und genoss den Morgen, nur ich und mein Fahrrad im sehr schönen Wald. Leider verabschiedeten sich auf diesem Streckenabschnitt die Stabilisatorstreben meiner Arschrakete, sehr ärgerlich, ich konnte das Problem mit Kabelbindern und Tape jedoch temporär lösen, so dass die Konstruktion nicht mehr klappert. 

Eigentlich kam ich ganz gut voran, doch plötzlich standen unter einer Brücke, direkt auf dem Weg zwei junge Wildschweine. Als ich näher heran fuhr, liefen sie allerdings nicht weg, sondern kamen zügig auf mich zu gerannt. Also drehte ich kurzerhand um und fuhr wieder zurück. Das war mir eindeutig zu viel hier. Wildschweine sind mitunter die gefährlichsten Tiere, die man in heimischen Wäldern antreffen kann. Ich fuhr bis zu einem Hochsitz und wartete ab. Glücklicherweise folgten die wilden Schweine mir nicht weiter und blieben im Bereich der Brücke zurück.

Wilde Schweine! Im Sachsenwald!

Aber ich kam nicht weiter. Eigentlich müssten relativ unmittelbar hinter mir doch noch andere Hackenpedder Teilnehmende sein? Ich probiere es durch Rufen, die Wildschweine zum Abzug zu motivieren, doch keine Chance. Also warte ich. Glücklicherweise kommt bald ein Zug über die Brücke gefahren und die Wildschweine hauen ab. Ich fahre weiter, aber mit einem mulmigen Gefühl und so schnell wie lange nicht mehr, aus Angst, die Schweine könnten wieder auftauchen. Bis nach Kuddewörde, wo die Bäckerei Meyns im Roadbook (KM 349) eingezeichnet war, bin ich gedüst. Und holte mir dort einen Kaffee und belegte Brötchen zum Frühstück, traf weitere Teilnehmende, von denen ich die Mehrheit schon vom Campingplatz abends kannte. Eine Teilnehmerin, die ich mit ihrem Partner an der Theke der Bäckerei traf, erzählte, dass sie heute Geburtstag hätte und holte sich einen Kuchen. 

Diese Pause und das Frühstück taten gut und auch, dass ich heute ausschließlich im Hamburger Umland unterwegs sein würde, wo ich mich größtenteils gut auskannte. Nächstes Zwischenziel: Ahrensburg! Also Abfahrt, nichts wie hin da. Obwohl zwischen Bäcker und Ahrensburg ca. 20 km lagen, vergingen diese wie im Flug. In Ahrensburg (KM 369) angekommen, bin ich als erstes zu einer Budnikowski Filiale gefahren. Die Innenstadt war am Montagmorgen überraschend gut besucht und ich fühlte mich nicht so ganz wohl dabei, mein Rad komplett alleine mit nur einem dünnen Kabelbinder-Schloss, das ich mir extra vor dem Start bei Decathlon gekauft hatte, stehen zu lassen. Also schnell ein paar neue Snacks, erfrischende Getränke und… eine neue Fahrradbrille geschnappt und wieder raus. Überraschenderweise hatten sie eine gute Auswahl an Sonnenbrillen, auch Sport-Modelle, so dass ich meine alte kaputte Brille in einem Mülleimer beim Ahrensburger Schloss lassen konnte.

Dort angekommen traf ich Felix wieder, der ein Foto von mir vor dem Schloss machte (Foto-Point #2). Wir tauschten uns kurz aus, er hatte sich kurz zuvor einen Döner geholt, ich berichtete stolz von meiner neuen Brille. Und wir fuhren weiter. Erst gemeinsam, aber dann merkte ich, dass Felix heute ein viel zu schnelles Tempo drauf hatte und habe wirklich Probleme bekommen mitzuhalten. Dennoch blieb er die ganze Zeit knapp vor mir und das motivierte mich doch nochmal zu versuchen aufzuschließen. Also sorgte ich nochmal für ausreichend Verpflegung durch Katjes und Riegel und probierte, dran zu bleiben. Bis zum Checkpoint 2 fuhren wir also recht zügig durch, stellenweise überholte ich sogar und fuhr vorne für ein Stück.

Angekommen am CP2 in Wittenborn, nach insgesamt 407 gefahrenen Kilometern war ich äußerst euphorisch, ein wenig fertig und brauchte dringend eine Abkühlung. Auch wenn mir ein entgegenkommender Teilnehmer vom See abgeraten hatte, wollte ich ihn mir trotzdem selbst ansehen. Das Seewasser war tatsächlich gar nicht so klar und voll mit Federn, Laub und Pflanzensamen. Also nutzte ich die Außendusche unten am See, um mich abzukühlen und ging danach nochmal in die Gemeinschaftsdusche des Jugendzeltplatzes Wittenborn, um meine Radklamotten einmal zu waschen.

Wilde Schweine! Im Sachsenwald!

Danach holte ich mir schnell was zu essen, lud meine Geräte auf, holte mir den Stempel und redete währenddessen mit anderen Teilnehmenden. Der Checkpoint war zu dieser Zeit sehr gut besucht und es waren auch viele da, die ich noch gar nicht getroffen hatte die letzten Tage. So auch Constantin, der auf der kurzen Route unterwegs war und mit dem ich, gemeinsam mit Felix, nach dem Checkpoint ein Stück weiter fuhr. Wir fuhren auf weitestgehend gut befahrbaren Waldwegen den ganzen Nachmittag, unterbrochen lediglich von der ein oder anderen Binnendüne / sandigen Heidelandschaft. Eigentlich kamen wir ganz gut voran, jedoch hatte Felix noch mehrere Platte Reifen und die sandigen Passagen verlangsamten uns doch sehr.

Aber es war schön, in Gesellschaft zu fahren, sich auszutauschen und gemeinsam zu überlegen, wo man essen und schlafen könnte. Letztendlich wurde es immer später und wir suchten konkret ein Restaurant raus. Als Campingplatz hatten wir das „Fährhaus Hodorf“ (Ungefähr bei KM 481 + 2 KM off track) ausgeguckt, wo wir bis 21 Uhr spätestens anreisen sollten. Das wäre schon sehr knapp und es gab auch nicht gerade viele Restaurants in der Nähe. Also suchten wir einen Dönerladen bei Itzehoe raus und beeilten uns sehr, dort rechtzeitig hinzukommen. Leider war ein sehr schlecht befahrbarer Weg am Breitenburger Kanal lang ein riesiges Hindernis für uns, der Weg war mit Gras bewachsen und ziemlich holprig und zudem noch total überwuchert mit Sträuchern, Brennesseln und hohem Gras, ein echter Nils Spezial Weg also.

Es war schwül-warm und total anstrengend und zog unseren Schnitt total nach unten. Letztendlich schafften wir es doch noch kurz vor dem Ladenschluss zum Dönerladen. Als sie keine Falafel mehr hatten, fürchtete ich schon, nichts Vegetarisches mehr zu bekommen, doch die Angestellten sagten, sie hätten schon noch was für uns. Wenige Minuten später brachten sie dann eine Speise nach der anderen und füllten den ganzen Tisch mit einem Fernöstlichen Buffet, gänzlich vegetarisch. So gestärkt nahmen wir im Sonnenuntergang das letzte Stück Weg bis zum Campingplatz in Angriff.

Langsam wurde es kühler und wir erreichten unseren Schlafplatz für die Nacht, einer der seltsamsten Campingplätze die ich je gesehen hatte. Der Besitzer war noch wach, beschwerte sich ein wenig über unsere späte Ankunft aber nahm uns dennoch auf. Er hatte offensichtlich ein großes Faible für Schilder und Hinweistafeln aller Art, die großzügig auf dem gesamten Campingplatzgelände, an allen Gebäuden, einfach überall aufgehängt und aufgestellt waren. Besonders beliebt waren Blechschilder im Vintage Stil, doch besonders wählerisch war man hier nicht, was die Schilder angeht, hauptsache ein Spruch stand darauf. Auf dem Campingplatz selbst war noch keine Ruhe eingekehrt, es waren vor allem Gäste im Wohnmobil da, aus vielen verschiedenen Ländern, es lief Musik. Wir stellten unsere Zelte auf und nahmen uns ein Bier aus dem Kühlschrank. Besonders viel Zeit zum gemütlichen zusammen sitzen blieb an dem Abend leider nicht, nach dem Aufbau und der Körperhygiene war ich so fertig, dass ich mich direkt hingelegt habe.

Der “Trekking-Sarg” in Hodorf am Froschteich.

Tag 4: Über die Hälfte der Strecke geschafft

Am Dienstag Morgen wachte ich so erholt auf wie lange nicht mehr, ich hatte super geschlafen und war absolut bereit, jetzt noch die “zweite Hälfte” des Hackenpedder zu Ende zu fahren! Constantin hatte auf die Karte geschaut und in 16 km Entfernung einen Bäcker ausfindig gemacht, der auf der Strecke liegen sollte. Am Morgen beschlossen wir, ein Stück zusammen zu fahren. Felix blieb noch ein wenig zurück, da er schon Frühstück dabei hatte. Zunächst fuhren wir zur Elbe und dann am Elbdeich entlang, fuhren durch zahllose Schafgatter an Brokdorf vorbei.

Bei Kilometer 505 erreichten wir dann letztendlich den Elbbäcker in St. Margathen nach 26 gefahrenen Kilometern. Hier trafen wir einen weiteren Teilnehmer, Paul, und auch Felix ist hier wieder dazu gestoßen. Gegenüber vom Bäcker war ein Supermarkt, der die Verpflegung für den Tag sicherte. Kurz darauf kamen wir an eine kleine Fähre bei KM 513 in Kudensee, ebenfalls ein Foto Punkt, wo wir zu viert ein Foto für die Gruppe machten.

Fot-Point #4 mit Felix Selfie-Arm

Weiter ging es in Richtung Burg (Dithmarschen) und schon bald darauf, einige Kilometer gerade am Nord-Ostsee-Kanal, lang. Am frühen Nachmittag kamen wir dann durch eine weitere Binnendüne  ein Naturschutzgebiet mit sandigen Wegen. Eigentlich wunderschön, wenn da nicht eine weitere Reifenpanne bei Felix gewesen wäre. Immerhin eine gute Ausrede, um eine Pause im Schatten machen zu können, da es schon wieder unglaublich heiß geworden war. Weiter in der Mittagshitze fuhren wir nach Albersdorf (KM 557), wo sich unsere Wege nun trennen würden.

Das war wild!

Paul und Constantin fuhren den Shortcut, während Felix und ich weiter auf der langen Route unterwegs sein wollten. Am Stadtrand von Albersdorf an einer großen Straße in der prallen Sonne verabschiedeten wir uns und fuhren also zu zweit weiter. Kurze Zeit später, am Nachmittag, kamen wir nach insgesamt 575 gefahrenen Kilometern am größten Marktplatz Deutschlands in Heide an. Dort bestellten wir in einem Restaurant auf dem Platz Burger und fühlten uns ein wenig fehl am Platz in verschwitzten Radklamotten und mit voll bepackten Rädern. Das hielt Felix nicht davon ab seine dreckigen Socken im Waschbecken der Restauranttoilette zu waschen. 

Gestärkt machten wir uns auf den Weg, unseren nächsten Stempel abzuholen, bei Böttcher am Stadtrand. Dort gab es sogar Wasser und Verpflegung und Felix kaufte sich einen neuen Flaschenhalter. Dann trafen wir zwei weitere Teilnehmende und erfuhren, dass die beiden schon einen Campingplatz für heute Nacht recherchiert hatten, der ein Stück abseits der Strecke auf Nordstrand liegt. Also wieder so 160 km die ich an dem Tag fahren würde, klang machbar. Wir fuhren weiter Richtung Norden und kamen am Abend in Husum (KM 622) an.

Felix und ich holten uns in einer Pizzeria am Hafen eine Pizza, da ich leider nicht die ganze geschafft habe, packte ich die Reste in einem Plastikbeutel hinten auf meine Arschrakete. Eine Frau, die ebenfalls in dem Restaurant gegessen hatte, sah dem ganzen angewidert zu. Naja, hier werden keine Kohlenhydrate verschwendet. Wir fuhren weiter auf der Strecke Richtung Nordstrand, auf größtenteils asphaltierten Straßen am Deich entlang. Ich kam immer mehr rein ins Fahren, wir redeten, ich hatte Spaß. Felix wurde immer fertiger und so freute nur ich mich als wir am späten Abend noch den einzigen Hügel Nordfrieslands noch hochfahren mussten. Zum Schluss mussten wir noch 4-5 km Offtrack zurücklegen, diese waren allerdings asphaltiert, ohne dollen Gegenwind und flach.

Dennoch waren wir beide froh, dass wir auf dem Campingplatz Margarethenruh (KM 634 + 4 KM Offtrack) unsere Zelte aufschlagen konnten. Kiki und Michael, die wir nachmittags bei Böttcher schon getroffen hatten, waren ebenfalls auf dem Campingplatz. Wir teilten uns zu viert mit unseren Zelten einen Wohnmobilstellplatz, bezahlen konnten wir am nächsten Tag. Der Aufenthaltsraum und die Waschräume waren beheizt und total einladend, so dass wir aufgeregt vom Tag erzählten und noch bis Mitternacht aufblieben. Die Klamotten konnte ich hier ebenfalls waschen und trocknen, perfekt also.

Tag 5: Es könnte ewig so weitergehen!

Morgens am Mittwoch planten wir, die längste Tagesetappe von allen zurückzulegen, mit 200+ Kilometern. Ich fühlte mich ready dafür, das anzugehen, hatte aber dennoch einen riesigen Respekt. Trotzdem kam es mir wie eine gute Idee vor, den längsten Tag nicht am letzten Tag, sondern am vorletzten zu machen. Der vorletzte Tag also… Das fühlte sich irgendwie merkwürdig an. Noch nicht so richtig greifbar. Da hilft nur, die Pizza vom Vortag in der Mikrowelle warm zu machen! Das als Frühstück und dann packte ich zusammen und fuhr mit Felix gemeinsam los. Wenig später passierten wir Foto-Point #4 (KM 647 Lüttmoorsiel) und nachdem das abgehakt war, ging es weiter gen Norden.

An dem Tag kamen wir ziemlich gut durch, der Wind war zumindest nicht gegen uns, und so fuhren wir größtenteils in lockerem Gespräch nebeneinander her und lediglich Abschnittsweise im Windschatten. Den ersten richtigen Stopp machten wir in Leck (KM 680), ich holte mir was beim Bäcker und Felix sich bei Calis Schaschlik in der Mittagszeit in die Schlange stellte und dafür gefühlt ewig warten musste. Gestärkt sind wir dann schnell weitergefahren und waren schon kurz darauf nahezu unbemerkt über die dänische Grenze gefahren (KM 702).

In Dänemark waren die Straßen entweder asphaltiert oder gute breite Schotterstraßen und es waren wenig Autos unterwegs. Der Wind kam ziemlich genau von hinten und pustete uns nach Osten rüber. Alles in allem waren die Kilometer in Dänemark ziemlich easy. Bis wir nicht mehr weit vom CP3 waren und der Weg auf einmal… wilder… wurde. Ein schmaler Trampelpfad führte mitten durch schulterhohe Brennesseln und es hingen Brombeerranken herab. Der Weg war unglaublich zugewuchert und ich ging mit zahllosen Brennessel-Stichen und in meiner Haut steckenden Dornen aus der ganzen Sache heraus. Naja, immerhin kamen wir dann kurze Zeit später am Checkpoint 3 in Kollund (KM 751) an.

Dort erwarteten uns weitere Teilnehmende, eine Schüssel warme Nudeln und Kaffee. Nachdem ich meinen Stempel abgeholt hatte, meine Geräte geladen und die Flaschen aufgefüllt hatte, war ich bereit loszufahren. Am Checkpoint hatten wir noch David kennengelernt, der sich uns nach der Pause ebenfalls anschließen wollte. Allerdings brauchten Felix und David immer noch mal wieder Zeit, um irgendwas zu erledigen, was sie noch nicht geschafft hatten. Ich war ungeduldig, wann geht das denn jetzt los? Irgendwann schafften wir es dann doch loszufahren und rollten relativ entspannt die hügelige Strecke bis nach Flensburg rein.

Nachdem wir ein weiteres Mal am Wegesrand fotografiert wurden, verabschiedete sich David, da er hier einen Schlafplatz hatte, wir trafen Kiki und Michael wieder, jedoch nur kurz, da die beiden ein zu krasses Tempo drauf hatten. Weiter ging es Richtung Süden, bei Husby war dann aber plötzlich Schluss: Felix’ Schaltzug war gerissen und es ging gar nichts mehr. Leider hatte ich keinen Ersatz eingepackt, das bereute ich in dem Moment sehr. Singlespeed war aufgrund des hügeligen Geländes keine Option, also wollte Felix einen Fahrradladen besuchen. Zu der Uhrzeit hatte keiner mehr auf, also beschlossen wir uns zu trennen. Felix wollte im Shelter in Husby (KM 775) übernachten und morgens direkt einen fachkundigen Fahrradladen finden, ich wollte weiterfahren, Richtung Ostsee und dann zur Schlei, mal schauen, was heute noch geht.

Das schien wie eine vernünftige Entscheidung, auch wenn es schwerfiel. Irgendwie war das die letzten Tage alles viel lockerer und besser gegangen, seit wir zusammen gefahren sind. Da es schon Abend war und ich noch viel vorhatte, machte ich mich schnell auf den Weg. Die Kilometer fühlten sich zäher an, aber nicht unmöglich. Dennoch freute ich mich sehr, als ich im Sonnenuntergang nach insgesamt 800 gefahrenen Kilometern am Strand von Wackerballig die Ostsee wieder sah. Lange hielt die Freude allerdings nicht, denn der Hunger machte sich bemerkbar und es wurde immer später.

Schnell düste ich bis nach Kappeln und holte mir dort bei Rewe genug Verpflegung für den Abend, für ein warmes Essen reichte die Zeit leider nicht. Ich fühlte mich so allein wie seit Tagen nicht mehr. Den ganzen Nachmittag/Abend hatte ich niemanden anderen vom Hackenpedder getroffen. Aber dennoch genoss ich den Anblick des Hafens von Kappeln im Sonnenuntergang. Ich schaute ins Roadbook und setzte mir den Trekkingplatz in Kosel als Etappenziel für den Abend. Das waren noch ca. 30 km, das schien machbar. Also los. Der erste Teil war ein wunderschöner Schotter-Wanderweg an der Schlei. Danach folgte ein wurzeliger Trail mit einer kleinen Steilküste DIREKT an der Schlei. Es wurde langsam dunkel. Ich wurde langsam müde. Dieser Weg war eine riesige Herausforderung zu dem Zeitpunkt für mich.

Ich kürzte ein Stück über die Feldwege ab (sorry Nils!), um nicht aus Versehen abzurutschen und direkt im Wasser zu landen. Das erschien mir dann doch sicherer. Das letzte Stück nach Kosel war auf einem gut asphaltierten Radweg. Durch das Live-Tracking konnten meine Kollegen, Freunde und Familie sehen, dass ich noch unterwegs war. Ich bekam einige Nachrichten, um mich anzufeuern und ich gab nochmal alles, was die Beine noch in sich hatten. Am Ende eines Feldwegs in Kosel erleuchtete ich endlich mit meinem Fahrrad Licht den Wildes SH Trekkingplatz Kosel (KM 844). Leider war ich nicht allein, und es waren keine Hackenpedder-Teilnehmenden. Es war eine Familie, die hier mit ihren Kindern campte und ich wollte möglichst nicht durch Licht und Lautstärke stören. Also probierte ich so schnell und leise wie möglich mein Zelt aufzustellen. Leider hatte ich übersehen, dass das Zelt ziemlich schräg am Hang stand, was ich die Nacht über deutlich bemerken würde. Der Schlaf war nicht besonders lang und wenig erholsam, aber immerhin war es die letzte Nacht des Hackenpedder, denn es waren “nur noch” ca. 160 km zu fahren!

Tag 6: Nach dem Höhepunkt kommt der Tiefpunkt

So startete ich am Donnerstag Morgen, packte schnell mein Zeug zusammen und suchte den nächsten Bäcker. Ich fand ihn bei KM 851 in Fleckeby. Wenn ich dort ebenfalls fand, war David, der mitten in der Nacht in Flensburg losgefahren war und bereits fast 100 km gefahren war. Dafür sah er unglaublich frisch aus, roch nach frisch gewaschener Wäsche und war gut gelaunt. David hat mich den ganzen letzten Tag über extrem gezogen, da ich nach der schlechten Nachricht von Felix am Vormittag, dass er es nicht schaffen würde noch aufzuholen, da kein Fahrradladen in der Umgebung in der Lage war sein Rad zu reparieren, irgendwie extrem wenig Motivation hatte.

Die Hüttener Berge und der Boxberg machten mir Respekt, das Fahren fühlte sich nicht mehr so leicht an wie die Tage zuvor und ich wollte einfach nur noch fertig werden mit dem ganzen. Leider machte ich den großen Fehler, den letzten Tag zu unterschätzen. Es fühlte sich irgendwie an wie ein kleines, letztes Stück, aber letztendlich war es trotzdem ein ganzer Tag mit über 8 Stunden fahren und 160 km insgesamt. Die Gespräche mit David hielten mich zumindest in der ersten Tageshälfte beschäftigt und ich freute mich von ihm zu hören und auch in seinem Windschatten fahren zu können, wenn es ein Stück geradeaus auf Asphalt ging.

Irgendwann in der zweiten Hälfte des Tages vergaß ich leider, auf meine Ernährung zu achten und musste mit den Konsequenzen leben. Den ganzen Nachmittag war ich irgendwie unterzuckert und probierte einfach nur so gut es geht dran zu bleiben. Nachdem wir kurz vor Hohenwestedt noch einen weiteren Teilnehmer, Jens, abgefangen hatten und kurz darauf ein Eis gegessen hatten, machten wir uns gemeinsam daran, den Boxberg und die letzten Kilometer anzugehen. Der Boxberg war überhaupt gar nicht so schlimm wie befürchtet, eigentlich wirklich ein Hügel mit einem letzten steileren und wurzeligen Stück, was wir größtenteils hoch geschoben haben.

Der letzte Foto-Point #6 wurde hier (KM 943) natürlich auch noch abgehakt. Den Trail nach unten habe ich als sehr abenteuerlich in Erinnerung. Danach ging es aber größtenteils über Waldwege recht entspannt voran, lediglich die letzten 30-40km habe ich als sehr schlimm in Erinnerung. Es war viel Asphalt dabei, zwar auf ruhigen Straßen, diese waren jedoch erstaunlich hügelig. Insgesamt zehrte die gesamte gefahrene Strecke und auch der heutige Tag sehr an mir. Ich wollte wirklich nicht mehr. Ich wollte nicht mal mehr im Ziel ankommen, ein Moment, auf den ich mich die ganzen letzten Tage sehr gefreut hatte. Ich fühlte mich unglaublich schwach, kämpfte sehr und war auch ziemlich schlecht drauf. Meinen Mitfahrern gegenüber wollte ich mir das nicht unbedingt anmerken lassen, aber es ist mir bis heute als einer der größten Tiefpunkte in Erinnerung, die ich je beim Bikepacking erlebt habe.

Letztendlich haben wir es nach einer gefühlten Ewigkeit deutlich später als erwartet nach Kiel geschafft. Um kurz vor 20 Uhr konnte ich mein bisher größtes Abenteuer abschließen. Felix wartete dort, ebenso die Ziel-Betreuung. Nachdem ich meinen Stempel abgeholt und meinen abgegebenen Beutel mit Sachen abgeholt hatte, kam Nils und hat Fotos gemacht. Auf einmal waren total viele Leute da, ich war total überfordert mit der Situation und wollte einfach nur so schnell wie möglich unter eine Dusche und ins Bett. Die bekam ich auch bald und nach dem anschließenden Bier trinken Abends mit weiteren Teilnehmenden und der abschließenden Finisher*innen-Party mit Pizza am nächsten Tag konnte ich das ganze ein wenig mehr reflektieren und mich darüber freuen, es geschafft zu haben.

Die Herausforderung, die ich mir total spontan gesucht hatte und gemeistert hatte. Und die tollen Erlebnisse und Gespräche mit anderen auf dem Weg. Und ich bekam ein ganz neues Gefühl von Selbstwirksamkeit, was ich so noch nie verspürt hatte: Wenn ich mir etwas vornehme, auch wenn es im ersten Moment riesig und unschaffbar wirkt, kann ich es in meinem Tempo schaffen. Und im Bezug auf den Hackenpedder war mein Tempo schneller als ursprünglich eingeschätzt, da ich eigentlich damit gerechnet hatte, 7 Tage (mindestens) unterwegs zu sein, geschafft habe ich es in 6 Tagen.

Der Hackenpedder hat mich sehr motiviert, mir weitere Abenteuer zu suchen, auch außerhalb meiner Komfortzone und dafür bin ich einfach nur unglaublich dankbar!

Leonies Packliste für den Hackenpedder

Einige von den Gegenständen habe ich mittlerweile ausgetauscht und verwende sie nicht mehr. Vieles bietet jedoch dennoch einen guten Einstieg und hat mir lange gute Dienste geleistet. Die Isomatte von Bergfreunde zum Beispiel ist derweil undicht geworden und ich musste sie durch ein neues Modell ersetzen. Auch das aus Asien gekaufte Biwakzelt hat mir nicht wirklich lange Freude bereitet, so dass ich seit dem entweder kein Zelt oder ein “richtiges” leichtes 2 Personen Zelt (Naturehike Cloudup 2 von Alpin Loacker) mitnehme, je nach Wetter.

🎒Taschen1.980g
1Rahmentasche: Topeak Midloader 4,5l (Notwendiges, Erste Hilfe und Repair Kit)195g
1Satteltasche: Topeak Backloader 15l (Schlafen)525g
1Lenkerrolle: Topeak Frontloader 12l (Schlafen 2)381g
1Top Tube: Rovativ Top Tube Bag 1l (Akkus, Kabel)185g
2Gabeltaschen: Topeak QR Fork Drybag 5.8L (Klamotten)544g
2Food Pouch: Decathlon 1,5l (Snacks)150g
Schlafen (Arschrakete)1.696g
1Zelt: Biwakzelt 690g
1Schlafsack: Vaude Arctic 450366g
1Inlett (Seide)116g
1Isomatte: STOIC – Sjangeli mit Repairkit und Pumpsack500g
1Packsack: Schlafsack24g
🔌Technik (Rahmen, Zipper)1.354g
2Powerbank: Poweradd 20000mAh495g
6Kabel: (1*Iphone , 2*USB-C, 2*Micro USB)80g
1USB-Stecker (2 x Anker 24v)84g
1Stirnlampe Tchibo102g
1Kopfhörer JBL Tune Beam47g
1Handy: Iphone12214g
1Portmonee (Bargeld, Bankk.,Gesundheitsk.)8g
1Rücklicht: Lezyne Strip Alert49g
1Frontlicht: Feschd Fahrradlicht110g
1Navigation: Garmin Edge 84095g
1Navigation: Garmin Edge Explore70g
🛠️Reparatur Kit (Rahmentasche)933g
1Topeak Hummer Multitool167g
1Luftpumpe: Topeak Race Rocket125g
1Tubeless Repair Kit Peatys25g
2Reifenheber60g
1Squirt Lube / Öl22g
1Tubeless Milch (ca. 100ml Milkit)100g
2Kettenschloss QuickLink4g
1Tape: Decathlon Reperaturtape22g
6Kabelbinder (kurz 1g, lang 2g)9g
1Kleiner Lappen8g
1Ersatz Ventilkern5g
4Ersatz Schrauben8g
2Bremsbeläge44g
2Schlauch (Butyl)300g
3Gummi-Handschuhe5g
10Flicken24g
1Adapter SV Ventil auf Autoventil für Tankstellen4g
⛑️Erste Hilfe KIT (Rahmentasche)163g
1Rettungsdecke60g
1Zeckenzange3g
4einmal Handschuhe8g
2Verbandspäckchen20g
1Mullbinde (elast. Fixierbinde)15g
4Pflaster5g
3Blasenpflaster5g
1Wundauflage groß / Mullkompresse20g
1Alkoholtupfer10g
💋Beauty Care (Lenkerrolle)329g
4Oropax (Autos, Schnarchen)4g
1Zahnbürste, Zahncreme37g
1Handcreme (Neutrogena)19g
1Sonnencreme50g
1Linola Schutzbalsam50g
1Babypuder für Po30g
1Feuchttücher (Dusche)49g
1Desinfektionstücher30g
1Klopapier30g
1Handtuch: Hackenpedder Handtuch27g
💊Medikamente (Rahmentasche)70g
6Ibuprofen (DiesDas)10g
10Kohletabletten (Durchfall)10g
4Traubenzucker (schnelle Energie)10g
5Elektrolyt Pulver10g
7Vitamin C Tabletten (täglich eine)10g
21Magnesium, Vitamin B Komplexe10g

Weitere Frauen/FLINTA*

Im Radsport sind Frauen/FLINTA Personen, leider oft noch in der Unterzahl. Beim Hackenpedder soll das anders werden – deshalb wurden alle Teilnehmerinnen aus den letzten Jahren gebeten, zu berichten, wie ihre wilde Fahrt beim Hackenpedder oder Shelter Attack war.

Der verlinkte Beitrag soll Weiteren mut machen, vielleicht das nächstes Mal auch dabei zu sein!

Leonie im Podcast

Leonie ist dann im Spätsommer nochmals bei Shelter Attack mitgefahren und spricht darüber, aber auch über den Hackenpedder mit Martin von @biketourglobal.

Leonie im Dreiergepsann!